Correctio Fraterna

Kategorie: In eigener Sache – am 18. September 2008

In letzter Zeit sind immer wieder „Rezensionen“ von Arbeiten verschiedener Agenturen erschienen. Was mir daran immer wieder aufstößt, ist die Art der Kritik, die weniger be- als viel mehr verurteilt.

Dabei meint Kritik, aus dem Griechischen stammend, ursprünglich die Kunst der Beurteilung. Kritik ist also per se erstmal ohne Wertung – erst die Art der Kritik entscheidet, ob sie positiv (Lob), negativ (Tadel), konstruktiv (der Verbesserung dienend) oder destruktiv (der Zerstörung dienend) ist. In unserer Branche herrschen negative oder destruktive Kritik vor. Es ist ja auch viel leichter, jemanden zu tadeln oder zu verunglimpfen, als jemanden zu loben, oder ihm zu mehr Qualität zu verhelfen – dafür müsste man etwas tun. Auch ich habe diesen Fehler nicht nur einmal gemacht. Ein guter Freund meinte vor einiger Zeit zu mir: „Ein Profi verurteilt nicht und redet nicht schlecht über die Konkurrenz – er hebt sich durch eigene Leistung ab.“ – Recht hat er.

Abgesehen davon, dass man sich durch negative bzw. destruktive Kritik keine Freunde macht, muss man sich natürlich die Frage gefallen lassen, ob man selbst zurecht auf dem Thron sitzt, den man durch seine herablassende Art erklommen hat. Oder konkreter: hat nicht jeder eine Leiche im Keller? Dinge, zu denen er bedingt durch ein Projekt gezwungen war? Das Internet hat so ein gutes Gedächtnis

Das Problem an brancheninterner Kritik: sie leidet an Unschärfe – man trifft oft die Falschen, Kollateralschäden sind unvermeidbar! Die differenzierten Ursachen für qualitative Defizite werden nicht berücksichtigt.

Ursachen für dürftige Qualität

Konzeption und Grafik

Die Ursachen für mangelhafte Qualität von Webseiten sind nicht immer schlechte Ausbildung oder Inkompetenz der Entwickler. Es gibt noch ganz andere Probleme – von der Konzeption über die Grafik bis zur Entwicklung ist ein langer Weg. Oft dürfen es die Entwickler dann nur noch ausbaden. Wie viele Projekte hätten hochwertig werden können, wenn Konzeption und Grafik den Entwicklern keinen Strich durch die Rechnung gemacht hätten? Und, um dieser Vermutung direkt Einhalt zu gebieten: ich meine damit keine grafisch aufwändigen Layouts, die Entwickler dazu zwingen, kreative, ungewöhnliche und aufwändige Lösungen zu finden. Ich meine damit konzeptionelle Fehler und grafische Inkonsistenzen, mangelhaftes Verständnis der Technik (oft an Ignoranz grenzend) und unmöglich umzusetzende Vorstellungen, die feuchten Träume unfähiger Webdesigner.

Der Kunde

Eine weitere Dimension bleibt als Ursache für Qualitätsmängel allerdings fast immer auf der Strecke: der Kundenwunsch. Nur selten kam mir bisher eine Agentur unter, die einen großen Kunden abgelehnt hätte, weil er sich für seine Webseite etwas gewünscht hat, was gegen allgemein anerkannte Regeln verstößt. Natürlich wird Schadensbegrenzung betrieben, es werden Mails geschrieben, recherchiert und Alternativen vorgeschlagen. Letztendlich gewinnt dann meist der Kunde – denn bevor man ihn verliert, baut man ihm lieber sein Flash-Intro. Dabei kann man mit ehrlicher Beratung, pointierter Argumentation und Beispielen fast jeden Kunden einfangen. Regeln und Tabus gibt es nicht grundlos – sie haben ihre Existenzberechtigung und ihre Sinnhaftigkeit lässt sich ausnahmslos belegen – entsprechende Kompetenz vorausgesetzt. Es scheint tatsächlich absurd, aber es ist Tatsache: viele Kunden sind für die mangelhafte Qualität ihrer eigenen Webseite durch ihre Beratungsresistenz maßgeblich mit verantwortlich!

Auch das Budget enthält eine Komponente, die der Kunde zu verantworten hat. Bezahlt man einen Trabant, kann man keinen Porsche erwarten. Natürlich müssen auf der anderen Seite die Agenturen dafür Sorge tragen, dass ein Kunde keinen Porsche bezahlt und einen Trabant bekommt.

Die Gier

Was man dabei riskiert, zeigen die Leidenswege vieler mittelmäßiger Agenturen, die ständig nach dem Geld greifen, ohne dabei an die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter, die Qualität ihrer Arbeit oder die Zufriedenheit ihrer Kunden zu denken. Cash Flow ist wichtig, das Projekt muss In Time und In Budget gelauncht werden. Der Horizont der Agenturen endet häufig dort, wo sich die eigentlichen Qualitätsmängel offenbaren. Der Kunde leidet deutlich mehr unter einer halbgaren Webseite, als unter einer Terminverzögerung. Die Nachteile eines konzeptionellen und technischen Schnellschusses im Hinblick auf Wartbarkeit, Zukunftsfähigkeit und Nachhaltigkeit brauche ich an dieser Stelle nicht extra zu erwähnen. Mut sucht man auf Agenturseite vergebens, die Branche ist schließlich kein Ponyhof – „Wenn wir’s nicht machen, macht’s jemand anders.“.

Fazit

Was kann man nun daraus machen?

  • Nur noch wenig negative Kritik üben
  • Destruktive Kritik vermeiden
  • Loben, was lobenswert ist
  • Helfen, wo man helfen kann
  • Wissen teilen

Wir Webkrauts, bisher eher bekannt durch den Finger hebende Kritik, haben diesen Sommer mit den Sonnenseiten gezeigt, dass wir auch anders können. Und dass uns das angerechnet wird, genau diese neue Ausrichtung, zeigt sich durch zahlreiches Feedback, was uns während und nach der Aktion erreichte. Der Erfolg ist nicht messbar, aber vermutlich erreicht man auf diese Art mehr.

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8 Kommentare »

  1. Es scheint tatsächlich absurd, aber es ist Tatsache: viele Kunden sind für die mangelhafte Qualität ihrer eigenen Webseite durch ihre Beratungsresistenz maßgeblich mit verantwortlich!

    Genau da leigt der Hund sehr oft begraben. Das Motto kann nach nervenaufreibenden Beratungsversuchen irgendwann nur noch lauten: “Sie wollen Schrott, ok dann bekommen sie Schrott und ich mein Geld.”

    Wir Webkrauts, bisher eher bekannt durch den Finger hebende Kritik, haben diesen Sommer mit den Sonnenseiten gezeigt, dass wir auch anders können.

    Der Schritt in die richtige Richtung. So lässt sich imho mehr erreichen.

    Kommentar von Björn — am 18. September 2008 um 17:13

  2. [...] kann und die Fehler nicht erst in den eigenen Reihen beginnen, beleuchtet mein Webkraut-Kollege Stefan Nitzsche näher. Auf jeden Fall einen Blick wert. « keine Zeit zum [...]

    Pingback von erstmal meckern… | trilodge computin blog — am 18. September 2008 um 20:25

  3. Ich kann Dir da nur in Teilen zustimmen. Ich weiss allerdings auch nicht 100% was Dein Thema ist; wenn eine Agentur über die andere herzieht? Ok, dann passt’s noch.
    Sonst aber fehlt irgendwie der Mehrwert einer Bewertung. Was hat denn der Bewertende von einer sachlich ausgewogenen Lobeshymne? Ein gutes Gefühl sich abzuheben von all den „Stänkerern“?
    Eine kostenlose Referenz für den “Bewerteten” mittels derer dieser weitere Aufträge an Land zieht, wo er rumschludern kann?
    Was bringt mir das? Der Idealzustand sollte der Normalzustand sein, dafür werden Webentwickler bezahlt.
    Mal den Spass als Analogie: ich fahr doch auch nicht über eine Autobahn, und schreibe morgen das Internet voll, wie schön die Strassenbaufirma XY da den Bitumen auf Kilometer 80-137 der A9 ausgerollt hat.

    Kommentar von mike — am 18. September 2008 um 20:38

  4. Der Artikel trifft den Nagel auf den Kopf. Meiner Meinung nach ist die Beratungsresistenz unserer Klientel sehr oft der wirklich hemmende Faktor um qualitativ hochwertige Seiten zu veröffentlichen. Allerdings liegt es auch daran, dass niemand wirklich den tatsächlichen Aufwand erkennen kann, der in den heutigen Webprojekten betrieben werden muss/sollte. Das ist ein wenig das Steckenpferd der Branche. Trotzdem sollten Reviews zu Webseiten diesen Punkt nicht außer Acht lassen, und vielleicht auch auf genau diese Punkte eingehen.

    Kommentar von Fabian — am 18. September 2008 um 21:39

  5. Leider kennt das wohl jeder der mal ein paar Bit von rechts nach links geschoben hat. „Das Grün – also dem Herrn Doktor gefällt das nicht!“ Immer gut: „Da muss was blinken.“ Und als Drohung: „Ja wenn Sie nicht … Der Sohn von einem Geschäftsfreund, das ist ein echter Freak. Der würde das dann machen.“.

    Überhaupt scheint „Freak“ (sooo 80ies) bei KMUlern eine geheime Berufsauszeichnung zu sein. Alles was über Mailausdrucken geht ist ein „Freak“. Schon mal mit Zahnärzten ihren Web-„Auftritt“ verhandelt? Zum Glück geht die Entwicklung weiter und dieses Interdings ist schon veraltet bevor es durch ist.

    Kommentar von Siggi Becker — am 18. September 2008 um 22:55

  6. @mike Ganz einfach: Es geht eben nicht darum, eine politisch korrekte, weich gespülte Lobeshymne anstelle einer berechtigten Kritik zu formulieren. Ich sage, dass es bei Kritik allerdings um Beurteilung geht, und nicht um Verurteilung. Das Negative sollte einfach nicht überhand nehmen. Stänkern ist destruktiv und hilft niemandem – nicht dem Stänkerer und nicht dem Bestänkerten (der oft nicht der wirklich Verantwortliche ist).

    Kommentar von Stefan Nitzsche — am 18. September 2008 um 23:34

  7. Auch mir geht in Teilen die Aussage dieses Beitrags ab, was ich aber nicht so schlimm finde, da das Grundlegende Thema ein Wichtiges ist. Daher noch eine Anregung zum Thema Kritik:
    Ich bevorzuge die konstruktive Kritik, das bedeutet:

    1. Sagen was positiv ist
    2. Sagen was einem nicht gefällt
    3. Verbesserungsvorschläge machen

    Damit fahre ich seit Jahren sehr gut. Sowohl bei Kunden, als auch bei Partnern oder Vorträgen.

    Kommentar von Oliver — am 19. September 2008 um 10:50

  8. die bösen bösen konzepter und designer sind schuld! ;)

    Kommentar von paulinepauline — am 19. September 2008 um 18:17

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