Workflow (Folge 1): Fragen Sie Ihre Entwickler!

Kategorie: Projektmanagement – am 12. März 2008

Unglückliche Entwickler überall – demotiviert, genervt und oft auch gelangweilt. Und dabei wäre es so einfach! Mindestens ebenso sehr an der Entwicklung einer Webseite beteiligt, wie der Kreative, ist der Entwickler. Konzeptionelle und kreative Phasen sind im Projekt hoch angesehen, die Ergebnisse dieser Phasen sind oft in Stein gemeißelt, während die Umsetzung nicht selten zur Sklavenarbeit unter Vernachlässigung des gesunden Menschenverstands wird.

Folgendes Szenario ist nicht nur wenig unrealistisch, sondern darüber hinaus auch keine Ausnahme:

  1. Der Art Director gestaltet für einen Neukunden verschiedene Layoutvarianten.
  2. Der Creative Director mag die Layouts, sie werden präsentiert.
  3. Dem Marketingleiter auf Kundenseite gefallen die Layouts, er wählt eins aus und ist ab sofort verliebt.
  4. Das Entwicklerteam, das nun mit der Umsetzung beschäftigt wird, erhält das Layout.

Bis hierher klingt das normal, oder? Der größte Fehler ist allerdings schon geschehen!

Nun beginnt der zweite Akt der Tragödie … nach und nach fallen den Entwicklern, die nun unter starkem Zeitdruck an der Umsetzung arbeiten, Probleme mit dem Layout auf, das sich so nicht exakt umsetzen lässt. Da der Launch kurz bevorsteht, beginnt die „Frickelei“.

An dieser Stelle ist das Kind bereits in den Brunnen gefallen! Die Entwickler sind frustriert, weil sie gezwungen werden, das Projekt weit unter ihrem eigentlichen Qualitätsstandard umzusetzen, was marginale Korrekturen des Layouts in einer früheren Phase des Projekts überflüssig gemacht hätten – nun will es aber der Kunde genau so, wie er es auf dem Layout gesehen hat. Die „Frickelei“ kostet das Projekt Code-Qualität, es wird schwer pflegbar, denn unter Zeitdruck sind die Projektkomponenten, die am stärksten leiden, die QA und die Dokumentation. Und, was langfristig natürlich wesentlich schlimmer ist: es kostet die Motivation und das Engagement der Entwickler.

Versucht man nun, dem Kunden eben jene marginalen Layout-Korrekturen stillschweigend unterzuschieben, die man vor der Präsentation ohne weiteres hätte vornehmen können, wird er es im schlimmsten Fall bemerken, bemängeln und auf korrekte Umsetzung bestehen. Hier beginnt nun auch die Unzufriedenheit des Kunden – und sie wird sich bis zum Launch weiter steigern.

Lösung

Das Entwicklungsteam muss früher in das Projekt integriert werden. Es bietet sich an, einen oder mehrere Entwickler bereits in der Endphase der grafischen Konzeption einzubinden. So kann vermieden werden, dass Features/Gimmicks vorgestellt werden, die in der Entwicklung zu einer Katastrophe werden. Setzt die Agentur das Projekt nicht selbst um, kann sie sich um ein Gutachten zur technischen Machbarkeit durch einen unabhängigen, freien Experten bemühen, oder den Partner um ein Urteil bitten, der im Anschluss an die Konzeption mit der Umsetzung betraut wird.

Vorteile

Gleichzeitig zur Lösung des initial geschilderten Problems bietet diese Vorgehensweise noch weitere Vorteile:

  1. Grafiker sammeln im Gespräch mit Entwicklern Erfahrung und bilden eine Basis, auf der sie später die technische Machbarkeit ihrer Ideen selbst (eingeschränkt) beurteilen können.
  2. Entwickler können Möglichkeiten aufzeigen, wie man die Umsetzung eines Layouts drastisch vereinfachen kann und dabei auf keine grafische Komponente verzichten muss – oft entstehen Probleme durch Überlagerung, Ausrichtung, Verschachtelung oder Positionierung.
  3. Entwickler können Features vorschlagen, die sich die Grafiker aus der vagen Ahnung heraus, es könnte in der Umsetzung Probleme geben, nicht getraut hat, in das Layout zu integrieren.

Ergebnis

Das Ergebnis ist eine Win-Win-Situation:

  • Der Kunde ist zufrieden, wurde nicht getäuscht und nimmt das Projekt exakt in dem Zustand ab, in dem er es erwartet hat.
  • Die Agentur ist zufrieden, weil der Zeitplan eingehalten wurde, die Kalkulation aufgeht und die Marge hoch ist.

Bitte verstehen Sie diesen Vorschlag nicht als Plädoyer für simple Layouts oder faule Entwickler. Ich gehe natürlich davon aus, dass die hier erwähnten Entwickler technisch fähig und in der Lage sind, die Machbarkeit eines Projekts fachlich kompetent einzuschätzen. Die Unlust, ein bestimmtes Feature/Gimmick umzusetzen, darf niemals als Grund dienen, eine Empfehlung gegen die Integration eines solchen Features/Gimmicks auszusprechen.

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6 Kommentare »

  1. Hach, was würd ich dafür geben das sich so einige Leute dieser Problematik annehmen würde.

    Sitze im Moment mal wieder in genau so einer Situation. 90% des Projektes können ohne Probleme umgesetzt werden. Und wenn da nicht noch dieses eine kleine Feature wäre, dann könnte das Projekt quasi heute noch fertig werden. Aber diese Kleinigkeit wurde dem Kunden von Seiten der Agentur bereits als „Kein Problem, das können wir genau so machen“ verkauft. Hätte man mich als Entwickler vorher gefragt – mit geringfügigen Änderungen am Konzept wäre es ohne Nachteile für den Kunden umsetzbar gewesen.

    Aber die Herren von der Kundenfront leben anscheinend nach dem Motto: „Nach mir die Sintflut, der Entwickler macht das schon!“.

    Klar ist so gut wie alles umsetzbar. Aber in Sachen Effizienz kann man so einiges optimieren. Das wäre auch ein Vorteil für den Kunden, denn die Kosten für den Mehraufwand trägt er am Ende.

    Ich kann mich deinem Fazit nur anschließen. Den Entwickler schon möglichst früh in den Workflow einzubinden schadet niemanden und ist für beide Seiten von Vorteil.

    Kommentar von Tobias — am 12. März 2008 um 14:28

  2. Hm, ich sehe noch 2 weitere Knackpunkte:

    Erstens: die in dem theoretischen Entscheidungsweg: Es wäre ein absoluter Traum, wenn ein Auftraggeber wirklich ohne weiteres eines der vorgeschlagenen Lösungen nehmen würde. In der Regel ist es doch so, dass auch dann noch Änderungswünsche kommen á la: „Die Positionierungen wie Layout 1, aber das Menü wie in Layout 2 und das Logo etwas heller“ (nebenbei der große Arg-Faktor: Was ist „etwas“?!).

    Der andere Knackpunkt ist die die Arbeitsmethodik: Was siehst du als Entwickler an? Was als Designer und was sind deren Tätigkeiten? Meines Erachtens muss der Designer auch derjenige sein, der das Webdesign in CSS umsetzt. Das Design wiederum muss ganz klar und streng abgetrennt sein von der HTML-Struktur und dessen Erzeugung. Die Entwickler sind nur dafür zuständig, dass der richtige HTML-Code erzeugt wird. Optik ist von Anfang an Sache des Designers. Der klassisches Ansatz, dass irgendein Photoshop-Designer sich hinsetzt und irgendwelche Böxchen und Schriften in einer festen Auflösung auf einem Papierausdruck vorgibt, aber selbst dann keinen Plan von der Umsetzung hat und dann das CSS-Design jemand anderes aufdrückt, ist IMHO zu teuer und zu problematisch.

    Warum auch zwei Leute beschäftigen, wenn ein guter CSS-Designer reicht? Das Design von jemandem, der Web-Usability und technisch machbares (inkl. Browserprobleme) im Auge hat, hält zudem meist länger als das eines sogenannten Screendesigners.

    Lange Rede, kurzer Sinn: Mein Fazit wäre: Webdesigner und Webanwendungsentwickler gehören parallel von Anfang an zum Prozess dazu. Denn beides sind verschiedene Teile, die Kunden auch ggf. getrennt voneinander erwerben wollen und sollten.

    Kommentar von xwolf — am 13. März 2008 um 16:05

  3. Vielen Dank für Eure ausführlichen Kommentare!

    @Tobias: ich kann xwolf beipflichten, und Deine Forderung noch verstärken. Ich habe in meinem Vorschlag formuliert, den Entwickler zu bestimmten Zeitpunkten in das Projekt einzubinden – es kann sicherlich nicht schaden, ihn bereits zu Beginn des Prozesses in‘s Boot zu holen.

    @xwolf: Dein Vorschlag, ihn parallel zum Gestalter von Anfang an in das Projekt einzubinden, geht noch einen Schritt weiter als meine Empfehlung und kann nicht schaden. Allerdings ist, wenn auch augenscheinlich kleiner, der größere Schritt, den Entwickler überhauhpt in den konzeptionellen Prozess zu integrieren. Ist diese Tür in den Köpfen der Konzepter und Kreativen erstmal ein Stück aufgestoßen, ist es nur noch eine Frage der Zeit und der Komplexität des jeweiligen Projekts, wann und wie intensiv ein Entwickler eingebunden wird.

    Kommentar von Stefan Nitzsche — am 17. März 2008 um 16:44

  4. @xwolf: Ich kann dir nur zustimmen.
    Wir machen es auch so, dass zu Beginn immer ein Entwickler an Bord ist. Hat sich als äußerst erfolgreich herausgestellt. So werden Probleme von Anfang an vermieden.
    Ob nun der Designer das CSS umsetzt, oder der Entwickler, ist bei uns je nach Auslastung der Personen festgelegt. Ich denke, heutzutage können die meisten Entwickler sauberen Code inkl. CSS erzeugen.

    Kommentar von Martin — am 01. Juni 2008 um 19:20

  5. [...] (Folge 1): Fragen Sie Ihre Entwickler! http://blog.nitzsche.info/2008/03/workflow-folge-1-fragen-sie-ihre-entwickler/ Veröffentlicht von admin Abgelegt unter [...]

    Pingback von kloster13 » Archiv » Unglückliche Web-Entwickler — am 24. Juni 2008 um 22:49

  6. [...] die Grafik bis zur Entwicklung ist ein langer Weg. Oft dürfen es die Entwickler dann nur noch ausbaden. Wie viele Projekte hätten hochwertig werden können, wenn Konzeption und Grafik den Entwicklern [...]

    Pingback von nitzsche.info/Blog/Correctio Fraterna — am 18. September 2008 um 15:32

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